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IT-Grundschutz-Mitarbeiterschulungen : Spannung, Spiel und Schokolade?!

Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie die IT-Grundschutz-Vorgehensweise mithilfe der Lernmethodik „Stationsarbeit“ in einem Beratungshaus erfolgreich vermittelt wurde. Durch die Aufteilung der Phasen in verschiedene Stationen und die Arbeit in Gruppen konnten die Teilnehmer den Lerninhalt auf vielfältige Weise bearbeiten und gleichzeitig voneinander lernen. Belohnungen können die Motivation der Mitarbeiter* zusätzlich erhöhen.

Die Sicherheit von IT-Systemen wird nicht nur durch technische Schwachstellen, sondern auch durch menschliches Verhalten beeinträchtigt. Das BSI erinnert in seinem jährlichen Lagebericht ebenfalls regelmäßig an die Notwendigkeit von Mitarbeiterschulungen zur Stärkung der Cyberresilienz. Diese Schulungen sind nötig, um Behörden- und Unternehmens-Mitarbeiter über bereits länger bekannte und neue Arten von Cyberangriffen zu informieren und angemessene Verhaltensregeln zu vermitteln. Mitarbeiter von Beratungshäusern zur IT-Sicherheit sind von dieser Pflicht nicht ausgenommen, sondern müssen sich für eine optimale Beratung zusätzlich mit dem Aufbau von Informationssicherheits-Managementsystemen (ISMS) sowie dem Erstellen von Sicherheitskonzepten auskennen. Traditionelle Schulungsmethoden erweisen sich dabei als weniger effektiv, während reformpädagogische Ansätze und digitale Lernformate meist beliebter und effizienter sind. Die Stationsarbeit [1], eine pädagogische Methode aus dem Schulumfeld, ist vielversprechend, um differenziertes Lernen zu unterstützen und die Motivation zu steigern. Diese Methode gliedert den Lernprozess in verschiedene Stationen, ermöglicht individuelle Förderung, aktives Lernen, Selbstständigkeit und fördert die Zusammenarbeit.

Theorie = Langeweile?

In den letzten 30 Jahren hat sich die Art und die Notwendigkeit von Mitarbeiterschulungen stark gewandelt. Während Mitte der 80er-Jahre ein Mitarbeiter noch circa 75 % des für seine Arbeit nötigen Wissens abrufbar im Gehirn gespeichert hatte, waren es 2006 nur 8–10 % an Wissensbestand, der sich aktiv für die Arbeit abrufen ließ [2]. Wissensvermittlung an die Mitarbeiter ist demnach kein einmaliger Prozess mehr, sondern muss bei Bedarf und kontinuierlich möglich sein [9]. Die zunehmende Digitalisierung hat auch die Erwachsenenbildung verändert. Reine Präsentationsveranstaltungen, in denen der Dozent Foliensätze zeigt und die Schulungsteilnehmer das Wissen ausschließlich rezeptiv aufnehmen, sind wenig motivierend und die Inhalte werden in der Regel schnell vergessen. Stattdessen werden zunehmend digitale Lernformate, meist auch in Verbindung mit Gamification [3,4], angeboten, die zu beliebigen Zeitpunkten durchgeführt werden können und in der Regel motivierender sind als bloße Vorträge [5, 6, 7].

Stationsarbeit

Im schulischen Bereich existieren schon seit mehreren Jahren Methoden vor allem aus der Reformpädagogik, welche die Lernmotivation in heterogenen Lerngruppen steigern sollen und gleichzeitig den Wissensunterschied bei den Beteiligten berücksichtigen. Eine dieser Methoden ist die Stationsarbeit: Sie gehört zu den aktiven Lernformen und ist eine effektive pädagogische Methode, die es Lehrenden ermöglicht, Lernende individuell zu fördern und verschiedene Lernziele auf vielfältige und abwechslungsreiche Weise zu erreichen [8]. Diese Methode ist besonders geeignet, um differenziertes Lernen zu unterstützen, die Lernmotivation zu erhöhen und Lernenden die Möglichkeit zu geben, in ihrem eigenen Tempo zu arbeiten [1].

Grundlagen der Stationsarbeit

Organisation: Bei der Stationsarbeit wird der Lernraum in verschiedene Stationen oder Arbeitsbereiche aufgeteilt, an denen eigenständig gearbeitet werden kann. Jede Station konzentriert sich auf ein bestimmtes Thema, eine Fähigkeit oder eine Aktivität. Teilnehmer erhalten einen sogenannten Laufzettel (vgl. Abb. 1), der alle Stationen auflistet und zusätzliche Informationen und Hinweise zu den einzelnen Stationen enthält – zum Beispiel Schwierigkeitsgrad, benötigtes Material, Bearbeitungsmöglichkeit in Gruppen oder in Einzelarbeit. Der Laufzettel kann außerdem als Übersicht über bereits bearbeitete Stationen genutzt werden und die Teilnehmer zusätzlich motivieren, wenn für jede geleistete Station kleine Belohnungen in Aussicht gestellt werden.

Rotationsprinzip: Teilnehmer rotieren in kleinen Gruppen oder einzeln durch die verschiedenen Stationen. Dabei bearbeiten sie Aufgaben, lösen Probleme, erarbeiten den Inhalt spielerisch, erforschen Themen oder führen Experimente durch, je nachdem, was in der jeweiligen Station vorgesehen ist. Die Wahl der Stationen kann regelbasiert oder völlig frei erfolgen.

Differenzierung: Die Aufgaben in den einzelnen Stationen können verschiedene Niveaus und Anforderungen haben, um den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Teilnehmer gerecht zu werden. Dadurch kann man auch unterschiedliche Vorkenntnisse der Teilnehmer berücksichtigen.

Selbstkontrolle (optional): Die Stationen liefern eine Musterlösung der Aufgaben, die sich nach der Bearbeitung zur Kontrolle der eigenen Lösung nutzen lässt. Die Möglichkeit der Selbstkontrolle kann entfallen und ist kein zwingender Bestandteil einer Stationsarbeit.

Vorteile der Stationsarbeit

Individuelle Förderung: Durch die differenzierten Aufgaben in den Stationen können Teilnehmer auf ihrem eigenen Niveau arbeiten und werden entsprechend ihren Bedürfnissen gefördert.

Aktives Lernen: Teilnehmer sind aktiv in den Lernprozess eingebunden und können durch praktische Erfahrungen und eigenständiges Entdecken tieferes Verständnis entwickeln.

Selbstständigkeit: Die Stationsarbeit fördert die Selbstständigkeit und Lernmotivation der Teilnehmer, da sie eigenverantwortlich Aufgaben bearbeiten und Probleme lösen müssen.

Kooperation: In Gruppenstationen üben Teilnehmer, zusammenzuarbeiten, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Dies fördert soziale Kompetenzen, Teamarbeit und das Lernen untereinander.

Praxisbeispiel

Im Rahmen einer konzernweiten Mitarbeiterfortbildung in der Vorweihnachtszeit zur IT-Grundschutz-Vorgehensweise wurde durch ein Projektteam bei HiSolutions die Methode der Stationsarbeit angewandt. Aufgrund der Vielzahl an Teilnehmern wurde an den einzelnen Stationen in Gruppen gearbeitet.
Bei einer Stationsarbeit mit dem inhaltlichen Schwerpunkt der IT-Grundschutz-Vorgehensweise kann man jede der Phasen als eine inhaltliche Station beziehungsweise als eine Gruppe von Stationen anlegen (vgl. Stationsangaben in Abb. 1). Idealerweise wird dabei in jeder Station/Stationsgruppe der Lerninhalt auf unterschiedliche Art vermittelt – zum Beispiel als Lückentext, Sortierübung, Spiel, Quiz oder Einzel-/Gruppenarbeit. Diese vielfältige Herangehensweise ermöglicht jedem Teilnehmer „seinen“ individuellen kognitiven Zugang zum Lerninhalt.

Wo die Phasen nicht komplett autark sind, sondern voneinander abhängen, lassen sich Zusatzinformationen, die zum Verständnis der jeweiligen Phase (Station) eventuell nötig sind, mithilfe von Informationstexten in die Stationen integrieren.

Die Arbeit in Gruppen ermöglicht an jeder Station einen intensiven Austausch der Teilnehmer untereinander bezüglich ihrer gefundenen Lösung. Unterschiedliche Vorerfahrungen ergänzen sich dabei und führen im besten Fall zu einer richtigen Lösung, die alle Gruppenmitglieder nachvollziehen können. Anschließend können die Teilnehmer ihr Ergebnis mit der Musterlösung vergleichen und bei aufkommenden Fragen einen Dozenten, der die Stationsarbeit begleitet, um Unterstützung bitten.

Einen zusätzlichen motivationalen Anreiz bot ein weihnachtlicher Präsentkorb mit Überraschungen aus Schokolade für die Mitarbeitergruppe, welche die höchste Anzahl an Stationen bearbeitet hatte.

Abbildung 1: Beispiel für einen Laufzettel (Ausschnitt)
Abbildung 1: Beispiel für einen Laufzettel (Ausschnitt)

Feedback der Mitarbeiter

Am Ende der Fortbildung wurden die Teilnehmer anonym um Feedback gebeten. Zu diesem Zweck stand ein Feedbackbogen zur Verfügung (vgl. Abb. 2), mit dem Teilnehmer den Workshop hinsichtlich der folgenden Kategorien auf einer Skala von 1 (sehr gering) bis 5 (sehr hoch) bewerten sollten:

  • Mehrwert: Wie bewertest du den Mehrwert des heutigen Tages für dich? der Aufgaben des heutigen Tages für dich?
  • Organisation: Wie bewertest du die Organisation des heutigen Tages?
  • Qualität: Wie bewertest du die Qualität der erhaltenen Unterlagen für den heutigen Tag?
  • Unterstützung: Wie bewertest du die Unterstützung durch die Dozenten für den heutigen Tag?
Abbildung 2: Feedbackbogen (ausschnitt)
Abbildung 2: Feedbackbogen (Ausschnitt)

Die Teilnehmer konnten außerdem in Form von Freitext mitteilen, was ihnen besonders gefallen hat oder was geändert werden sollte.

Im Ergebnis wurden alle Kategorien überdurchschnittlich gut bewertet – besonders gute Noten bekamen Organisation (ca. 4,5), Qualität (ca. 4,0) und Unterstützung (ca. 4,5). Positive Resonanz auf die Fortbildung zeigte sich auch in ausgewählten Kommentaren:

  • „Die Unterstützung war klasse. Hat Spaß gemacht.“
  • „Quiz war sehr cool – allgemein die Gamification und das spielerische Erlernen von IT-Grundschutz-Themen, die vorher recht abschreckend gewirkt haben, es aber gar nicht sind.“
  • „Interaktives Format hat für das Thema motiviert! Kollegen besser kennengelernt. Quiz war 10/10“
  • „Methodik: Immer auf andere Art zu lernen, hält wach und aufnahmefähig.“

Alexander Sliwinski ist Security Consultant bei HiSolutions.

Literatur

[1] Bettina Kroker, Unterrichtsmethoden: Das Stationenlernen, Betzold Blog, Dezember 2023, www.betzold.de/blog/stationenlernen/

[2] Conrad Gottfredson, Bob Mosher, Supporting Performance at the Moment of Apply, Vortragsfolien, 2011, www.elearningguild.com/showFile.cfm?id=4302

[3] Christian Laber, Spiel, Satz, Sieg!, Mit Gamification die „menschliche IT-Sicherheits-Firewall“ aufbauen und stärken, <kes> 2022#3, S. 65

[4] Dietmar Pokoyski, Spiel Dich sicher!, Gamification: Awareness, you can touch and feel!, <kes> 2018#2, S. 63

[5] Training Industry, Forgetting Curve, Wiki-Eintrag, undatiert, https://trainingindustry.com/wiki/contentdevelopment/forgetting-curve/

[6] R. Karras, Warum Mitarbeiterschulungen scheitern und wie Sie dies in Ihrem Unternehmen verhindern können, Panopto Video Platform, Blogbeitrag, Juli 2019,
www.panopto.com/de/blog/why-employee-trainingfails/

[7] Sandy Lanuschny, Mitarbeiterschulungen: Machen Sie Ihre Belegschaft fi t für die Zukunft!, Papershift Blogbeitrag, November 2022, www.papershift.com/blog/mitarbeiterschulungen

[8] Karl-Christof Renz, Das 1 x 1 der Präsentation, Für Schule, Studium und Beruf, Springer Gabler, Mai 2022, ISBN 978-3-658-37024-4, https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-37025-1 (kostenpflichtig)

[9] Gudrun Porath, Die große Zeit der Online-Lernplattformen, Haufe Personal, Januar 2024, www.haufe.de/personal/neues-lernen/die-grosse-zeit-der-online-lernplattformen_589614_613218.html

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