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Editorial : KI: Kollege* oder Werkzeug?

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Dass künstliche Intelligenz (KI) in hohem Maße Emotionen schürt (vorrangig wahlweise Angst oder Hoffnung), ist an sich noch kein Zeichen einer besonderen und neuen Qualität – das haben beispielsweise auch schon „neue Medien“ und „dumme“ Computer in den 70er- und 80er-Jahren geschafft, genauso wie unzählige technische und gesellschaftliche Fortschritte zuvor in der Menschheitsgeschichte. Neu ist womöglich aber der Grad der Personifizierung/Vermenschlichung, den wir der KI angedeihen lassen: „Die KI“ erscheint dadurch leicht wie eine eigenständige, selbst-bewusste Entität – und eben nicht wie eine Software, die letztlich ihrer mehr oder minder expliziten Programmierung folgt.

Bezeichnungen wie „Assistent“ oder „Co-Pilot“ legen nahe, dass die entsprechenden Programme als Partner aktiv werden, anstatt wie ein digitaler Terminkalender oder Autopilot lediglich vorgegebene Instruktionen abzuarbeiten. Ein ganzes Stück weit gehen sie ja tatsächlich darüber hinaus – aber wecken solche Begriffe und die Anwendung/(Re-) Kombination gelernten menschlichen Wissens nicht auch schnell die Erwartung an einen „gesunden Menschenverstand“?

Das dahinter liegende Schema zeigt sich auch auf der Titelseite dieser <kes>, wo „die KI“ als humanoider Roboter in einem für Menschen „typischen Umfeld“ dargestellt ist. Das Titelbild hat übrigens freundlicherweise der Bing Copilot für uns erstellt. Oder besser gesagt: Die Illustration hat der <kes>-Chefredakteur im Wesentlichen mithilfe von KI-Tools erstellt, die Microsoft freundlicherweise der Öffentlichkeit zur Nutzung anbietet. Klingt anders, oder?

Durchaus verschiedene Ergebnisse erhält man auch je nachdem, wie man „die KI“ nutzt: Fragt man etwa Microsofts Bing Copilot „Ist eine KI ein Werkzeug oder eine Persönlichkeit?“, so antwortet das System: „Künstliche Intelligenz (KI) ist weder eine eigenständige Persönlichkeit noch ein bloßes Werkzeug. Sie liegt irgendwo dazwischen. [und nach einer näheren Erläuterung] Insgesamt ist KI ein faszinierendes Gebiet, das sowohl Werkzeug als auch eigenständiger Akteur sein kann. Es hängt von der Art der KI-Anwendung und ihrer Interaktion mit der menschlichen Welt ab.“ Fragt man hingegen „Bist du eine Persönlichkeit oder ein Werkzeug?“, dann lautet die Antwort: „Ich bin weder eine eigenständige Persönlichkeit noch ein einfaches Werkzeug. Stattdessen bin ich eine künstliche Intelligenz, die als Hilfsmittel für die Benutzer dient. […] Insgesamt bin ich eine Kombination aus Werkzeug und eigenständigem Agent, der darauf abzielt, Benutzern zu helfen und ihre Erfahrungen zu verbessern. :-)“ Exportiert man die entsprechenden Antworten als Worddatei, enthält die erste Version ein halbes Dutzend Internet-Links als Quellenangaben, die zweite endet mit einem grafischen Gefühlsausdruck (aka Smiley) – q. e. d.

Vielleicht sollten wir öfter mal aufhören, „die KI“ wie den freundlichen Praktikanten zu behandeln, der – frisch von der Uni – im Detail vermutlich deutlich aktuelleres und tieferes Wissen parat hat als wir selbst, der uns aber (eine Zeit lang) zum Spottpreis zur Verfügung steht, weil er sich in der Praxis noch beweisen und Erfahrungen sammeln muss, die eben nur im Berufsalltag erwachsen. Andererseits könnten wir den bewussten Praktikanten womöglich schon zum „KI-Maßstab“ erheben, wenn es darum geht, welche Entscheidungen und Tätigkeiten wir ihm unbeaufsichtigt übertragen würden, oder?

2023 Unterschrift Norbert Luckhardt-min
2023 Unterschrift Norbert Luckhardt-min

 

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in Publikationen der Datakontext GmbH auf eine Nennung aller Geschlechter verzichtet – es sind jedoch im Sinne der Gleichbehandlung immer alle Geschlechter angesprochen.

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