Russische Einflussoperation: ChatGPT als Werkzeug für digitale Tarnung : KI erzeugte Posts für ein Netzwerk aus vermeintlichem Thinktank und Telegram-Kanälen
OpenAI hat eine bislang unbekannte russische Einflussoperation offengelegt und zugehörige ChatGPT-Konten gesperrt. Die KI erzeugte dabei nicht die eigentliche Propaganda-Infrastruktur, sondern half, deren Inhalte zu verbreiten, sprachliche Spuren zu verwischen und vermeintlich unabhängige Kanäle aufzubauen.
Die Untersuchung begann mit einigen KI-generierten Beiträgen in sozialen Netzwerken. Dabei stieß OpenAI jedoch auf eine deutlich größere Einflussoperation: Dazu gehörten ein angeblich in Israel ansässiger Thinktank, massenhaft kopierte wissenschaftliche Texte, falsche oder erfundene Autoren, ein Russland positiv darstellender „Souveränitätsindex“ sowie mehrere Social-Media- und Telegram-Kanäle. Nach Einschätzung von OpenAI wurde das Netzwerk sehr wahrscheinlich aus Russland gesteuert.
VPN verschleierte den Zugriff aus Russland
Da OpenAI seine Dienste aus Russland nicht regulär zugänglich macht, griffen die Betreiber über Virtual Private Networks (VPN) auf ChatGPT zu. Ihre Prompts verfassten sie häufig auf Russisch, ließen daraus aber überwiegend englischsprachige Beiträge erzeugen.
Besonders aufschlussreich: Die Nutzer wiesen ChatGPT ausdrücklich an, sprachliche Merkmale zu entfernen, die auf eine russische Herkunft schließen lassen könnten. Die KI diente damit nicht nur der Texterstellung, sondern auch der sprachlichen Tarnung. Anschließend erschienen die erzeugten Inhalte auf Substack, Telegram, X, Facebook und LinkedIn.
Im Mittelpunkt stand das International Burke Institute (IBI), das sich selbst als internationale, in Israel ansässige „Expertengemeinschaft“ präsentierte. Die zugehörige Domain wurde im Februar 2025 registriert.
Wissenschaftliche Autorität als Kulisse
Die eigentlichen Fachartikel auf der IBI-Website stammten nach Erkenntnissen von OpenAI nicht aus ChatGPT. Stattdessen fand das Unternehmen bei einer Stichprobe von 36 zwischen September 2025 und Mai 2026 veröffentlichten Texten 34 Artikel, die von anderen Internetquellen kopiert worden waren. Teilweise wurden sie falschen Autoren zugeschrieben.
Auf diese Weise entstand eine scheinbar wissenschaftlich fundierte Plattform, auf die anschließend KI-generierte Social-Media-Beiträge verweisen konnten. OpenAI beschreibt die Bedeutung der Kampagne deshalb weniger über ihre unmittelbare Reichweite als über die aufgebaute Infrastruktur: Die Beiträge führten zu einer glaubwürdig wirkenden Institution mit angeblichen Experten, wissenschaftlichen Veröffentlichungen und einem vermeintlich eigenen Analysemodell.
Ein sprachlicher Fehler lieferte zugleich einen Hinweis auf die Herkunft. In einem englischen Artikel über Deutschland bezeichnete die Website die frühere Ampelkoalition als „Svetofor coalition“. „Svetofor“ bedeutet in mehreren slawischen Sprachen, darunter Russisch, „Ampel“ – ein ungewöhnlicher Ausdruck, der nach Einschätzung OpenAIs auf eine wörtliche Maschinenübersetzung hindeutet.
Ein Index mit politischer Stoßrichtung
Zentrales Instrument des IBI war der sogenannte „Sovereignty Index“. Er bewertete Staaten anhand von politischer, wirtschaftlicher, technologischer, informationeller, kultureller, kognitiver und militärischer Souveränität. Aus sieben Einzelwerten von jeweils maximal 100 Punkten entstand ein Gesamtwert zwischen 100 und 700.
In der veröffentlichten Rangliste lag die USA mit 650,9 Punkten vor China mit 649,1, der Schweiz mit 610,7 und Russland mit 601,4 Punkten. Die begleitenden Länderanalysen stellten Russland unter anderem als Staat mit hoher militärischer, wirtschaftlicher und digitaler Eigenständigkeit dar. OpenAI bewertet den Index als wesentliches Element einer Strategie, Russland positiv erscheinen zu lassen und westliche Staaten abzuwerten.
KI half auch beim Aufbau weiterer Kanäle
Die Aktivitäten gingen über Werbung für das IBI deutlich hinaus. Beispielsweise erzeugte ein Nutzer deutschsprachige Beiträge für den Telegram-Kanal „Lahme Ente“, die regelmäßig die Ukraine, die Europäische Union (EU) und die Bundesregierung diskreditierten und engere Beziehungen zu Russland propagierten.
Ein weiterer Nutzer setzte ChatGPT ein, um das Erscheinungsbild mehrerer Telegram-Kanäle professioneller wirken zu lassen. So ließ er Logos für rund ein Dutzend Kanäle mit Bezug zu Deutschland, den USA, Frankreich, Polen und der Türkei erstellen. Für den Kanal „American Observer“ erzeugte die KI außerdem ein Profilbild. Anschließend ließ sich der Nutzer die Aktivitäten dieses Kanals regelmäßig auf Russisch zusammenfassen – ein weiteres Indiz dafür, dass die Betreiber im russischsprachigen Umfeld saßen.
Kleine Reichweite, ausbaufähige Infrastruktur
Nach Einschätzung von OpenAI blieb der Einfluss der Kampagne insgesamt begrenzt. Viele Beiträge wurden nur selten aufgerufen, auch die offiziellen Konten des IBI fanden kaum Publikum. Deutlich erfolgreicher waren einige Telegram-Kanäle mit jeweils rund 10.000 bis 20.000 Followern. Auf der Brookings Breakout Scale, die die Reichweite und Wirkung von Einflussoperationen bewertet, erreichte die Kampagne deshalb nur die untere Stufe der Kategorie drei. Das bedeutet: Die Inhalte verbreiteten sich über mehrere Plattformen und erreichten auch echte Nutzer, lösten aber keine größere öffentliche oder gesellschaftliche Wirkung aus.
Der Fall zeigt zugleich, wie generative KI Einflussoperationen unterstützen kann, ohne deren Kern vollständig zu automatisieren. ChatGPT lieferte Texte, Übersetzungen, Logos und sprachliche Tarnung; die vermeintliche wissenschaftliche Autorität entstand durch eine separat aufgebaute Website und übernommene Facharbeiten. OpenAI fasst das Risiko entsprechend zusammen: KI könne Akteuren helfen, „Autorität herzustellen, die Quelle bevorzugter Narrative zu verschleiern und Strukturen aufzubauen, die sich später skalieren lassen“. Zugleich hätten gerade die KI-Aktivitäten dazu beigetragen, die dahinterliegende Operation aufzudecken.
