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OSINT im KI-Zeitalter : Warum KI OSINT-Analysten nicht ersetzt, aber die Arbeit erschwert

Open-Source-Intelligence-(OSINT)-Fachleute haben laut unserem Autor so viele Daten und Werkzeuge wie nie zuvor – und gleichzeitig weniger verlässliche Erkenntnisse. Fünf Faktoren setzen eine Disziplin unter Druck, die im Kern auf menschlichem Urteilsvermögen beruht.

Die Ausgangslage klingt zunächst paradox. Analystinnen und Analysten in der Open-Source-Aufklärung stehen mehr Daten, bessere Tools und schnellere Arbeitsabläufe zur Verfügung als zu jedem früheren Zeitpunkt. Trotzdem sinkt die Qualität der gesicherten Erkenntnisse.

Fünf Faktoren prägen das Forschungsfeld neu:

  • eine Datenexplosion, bei der Urteilsvermögen mehr zählt als reine Datenerfassung,
  • eine Fragmentierung der Plattformen, die den offenen Zugang einschränkt,
  • KI-generierte Inhalte, die das Wesentliche im Rauschen untergehen lassen,
  • Bedrohungsakteure, die KI-orientierte Taktiken anwenden und
  • eine Qualifikationslücke, die neuen Analysten die notwendigen Grundlagen vorenthält.

Zusammen belasten sie eine Disziplin, die auf Urteilsvermögen basiert, und zwar erheblich.

Datensammlung ist nicht gleich Information

Am deutlichsten zeigt sich der Druck dort, wo Menge mit Erkenntnis verwechselt wird. Denn mehr Output ist nicht gleichbedeutend mit besseren Ergebnissen. Ausgefeilte KI-Zusammenfassungen sind noch kein validiertes Verständnis. Der Informationszyklus wird verzerrt, und das Sammeln von Daten wird mit der Analyse verwechselt. Das Mensch-Maschine-System wirkt produktiver denn je – durchdacht ist es aber deshalb noch lange nicht.

Das Sammeln von Daten ist nicht gleichbedeutend mit der Erstellung von Informationen. Informationen sind zunächst roh, müssen überprüft und für jeden zugänglich gemacht werden. Informationen werden bewertet, validiert und sind hart erkämpft. Zu Beginn der Invasion der Ukraine im Jahr 2022 war die Menge an gesammelten Open-Source-Daten riesig. Doch eine Handvoll Analysten, die die Daten überprüften, Signale von Rauschen trennten und diszipliniertes Denken anwandten, verwandelten diese Flut an Material in verlässliche Informationen.

Vor diesem Hintergrund spaltet sich die OSINT-Community in zwei Lager, und die meisten Praktiker wissen nicht, zu welchem sie gehören. Tool-Operatoren verlassen sich bei der Suche und Schlussfolgerung auf KI, produzieren große Mengen an Output und können ihre Argumentation ohne die Maschine nicht erklären. Denkende Analysten nutzen KI als Beschleuniger, nicht als Ersatz. Sie pflegen den Kontakt zu Primärquellen, stellen unbequeme Fragen und produzieren weniger Output, dafür aber bessere Erkenntnisse.

KI als Hindernis für Analysten

Dass KI OSINT-Analysten ersetzt, ist unwahrscheinlich. Das unmittelbarere Risiko ist ein anderes: Sie könnte deren Urteilsvermögen schleichend eintrüben, bis nur noch die Berufsbezeichnung übrig bleibt.

Fünf Belastungsfaktoren untergraben dabei die kognitiven Fähigkeiten von Analysten:

  1. Das Geschwindigkeitsgebot zwingt Analysten dazu, im Tempo einer Maschine zu produzieren.
  2. Die Volumenfalle erwartet, dass menschliches Denkvermögen Daten im maschinellen Maßstab verarbeitet.
  3. Der synthetische Nebel belastet den Geist ständig durch die Unterscheidung zwischen menschlichen Inhalten und KI-generierten Inhalten.
  4. Die Automatisierungskrücke führt dazu, dass Analysten Werkzeuge nicht mehr zur Datenerfassung nutzen, sondern ihr Urteilsvermögen an diese auslagern.
  5. Die Erschöpfungsstrategie: Gegner überfluten den Bereich absichtlich, um die menschliche kognitive Ebene zu überlasten.

Der Unterschied zwischen Maschine und Mensch lässt sich mit einem Bild beschreiben: KI arbeitet wie ein Scheinwerfer – hyperfokussiert, brillant im Zentrum des Strahls, blind für die Peripherie. Menschliche Analysten funktionieren wie eine Laterne: diffuses Bewusstsein, das Anomalien im Hintergrund wahrnimmt und nicht miteinander verbundene Disziplinen verknüpft. Bei der Untersuchung von Satellitenbildern findet die KI den Panzer. Der menschliche Analyst bemerkt, dass die Schatten für die angegebene Tageszeit in die falsche Richtung zeigen. Genau dieses periphere Bewusstsein darf OSINT nicht verlieren.

Der Gegner hat sich angepasst

Diese kognitive Belastung ist kein Zufallsprodukt, Bedrohungsakteure nutzen sie gezielt aus. Ein wachsender Anteil moderner Desinformation zielt darauf ab, den Analysten zu erschöpfen, statt die Öffentlichkeit zu überzeugen.

Aufschlussreich ist der Fall des „Pravda Network“: Die Betreiber schufen Hunderte gefälschter Nachrichtenseiten, die europäische Lokalmedien imitierten – nicht, um Leser zu täuschen, sondern um KI-Trainingsdaten und RAG-Pipelines (Retrieval Augmented Generation, also KI-Systeme, die vor einer Antwort auf eine externe Wissensbasis zugreifen) zu vergiften. Setzten Analysten später KI-Tools ein, um die „lokale Stimmung“ zu bewerten, gab die Maschine die Erzählung des Gegners als verifizierten Konsens aus.

Dieser synthetische Konsens ist der neue Bedrohungsvektor. Eine einzige falsche Behauptung, die auf einem zweitklassigen Blog platziert, von automatisierten Scrapern umgeschrieben und innerhalb weniger Stunden auf fünfzig Domains veröffentlicht wird, erscheint einem Analysten wie fünfzig unabhängige Quellen, die eine Tatsache bestätigen. Fünfzig Quellen, die dasselbe sagen, könnten aber auch nur eine Quelle sein, die fünfzigmal wiederholt wird.

Fazit und Ausblick

Wie es weitergeht, ist ungewiss, aber die Richtung ist klar. Das offene Web schließt sich. KI-native Desinformation wird zum Hintergrundrauschen. Die maschinelle Datenerfassung wächst schneller, als die menschliche Bewertung mithalten kann. Der Mehrwert des Analysten verlagert sich entscheidend hin zu einer Beurteilung, die sich verteidigen lässt. Kognitive Sicherheit – die bewusste Praxis, die Fähigkeit des Analysten zu schützen, klar zu denken, genau zu verifizieren und Erschöpfung zu widerstehen – ist die neue OPSEC.

Die praktischen Abwehrmaßnahmen sind dabei nicht kompliziert. Analysten sollten

  • Rohdaten prüfen, bevor sie eine KI-Zusammenfassung lesen,
  • den gesamten Untersuchungsweg darlegen können, ohne sich auf Tool-Ausgaben zu berufen,
  • die scheinbar sichersten KI-Schlussfolgerungen einem Red-Team-Test unterziehen und
  • stets die Herkunft einer Information über ihre bloße Plausibilität stellen.

Tools skalieren die Datenerfassung genauso wie Disziplin die Intelligenz skaliert. Das umkämpfte Gebiet im nächsten Informationskrieg ist die Fähigkeit des Analysten, unter Druck klar zu denken und einen kühlen Kopf zu behalten.

Nico Dekens ist Certified Instructor beim SANS Institute. Er nimmt als Referent und Moderator an der ersten europäischen Ausgabe des SANS OSINT Amsterdam Summit 2026 teil. Die Veranstaltung des SANS Institute findet vom 15. bis 16. Juni 2026 im Capital C in Amsterdam statt.